Was ist dein Auftrag, bevor dein Leben endet?

Alles Lob gebührt Allah. Segen und Frieden seien auf dem Gesandten Allahs und auf allen, die ihm folgen.

Allah sagt sinngemäss: «Meintet ihr denn, Wir hätten euch ohne Sinn erschaffen und ihr würdet nicht zu Uns zurückgebracht?» Ein Vers, der uns mitten in unserer Geschäftigkeit zur Frage nach dem Ziel zurückführt: Was machen wir mit dieser Lebenszeit? Welches Gute tun wir an dem Ort, an dem wir leben?[1]

Ein Mensch kann einem Reisenden gleichen, der einen grossen Flughafen betritt. Dort gibt es Restaurants, Geschäfte und bequeme Sitze. Er beschäftigt sich so sehr mit seiner Umgebung, dass er seinen Flug vergisst. Das Problem lag nicht im Essen oder in der Ruhe, sondern darin, dass er das Ziel vergessen hat. So ist das diesseitige Leben: Es enthält gute Dinge, Arbeit, Schönheit und Freude. Wir geniessen, was Allah erlaubt hat, und wissen zugleich, dass es ein Weg zur Begegnung mit Ihm ist. Das Ziel im Blick zu behalten hilft uns, allem seinen Platz zu geben, damit die Mittel nicht den Zweck verschlingen.

Deshalb sagt Allah sinngemäss: «Ich habe die Dschinn und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen.» Gottesdienst bedeutet nicht, sich aus dem Leben zurückzuziehen oder die Religion auf wenige Minuten in der Moschee zu begrenzen und danach ohne Massstab und Auftrag weiterzuleben. Gottesdienst bedeutet, den eigenen Herrn zu kennen und für Allah zu leben: Das Gebet wird zu Ehrlichkeit im Sprechen, das Fasten zur Beherrschung der Begierde, die Koranlektüre zum Licht bei Entscheidungen, die Furcht vor Allah zur Vertrauenswürdigkeit bei der Arbeit, die Hoffnung auf Ihn zur Barmherzigkeit zu Hause und das gute Handeln zu einem hilfreichen Beitrag für die Menschen.[2]

Wenn Eltern bei ihren Kindern sitzen, anhören, was sie beschäftigt, ihnen das Gebet beibringen und ihnen Sicherheit geben, erfüllen sie eine anvertraute Verantwortung. Ein Angestellter, der betrügen könnte und dennoch die Rechte seines Arbeitsplatzes wahrt, weil er sich von Allah gesehen weiss, erfüllt ebenfalls eine Verantwortung. Der Händler, der auf einen Mangel seiner Ware hinweist, und der Jugendliche, der allein einer Sünde widersteht, lassen beide den Glauben in ihrer Entscheidung gegenwärtig sein. Es sind äusserlich kleine Situationen, die den Tag aber mit dem Sinn der Hingabe an Allah füllen.

Mancher meint vielleicht, einen Auftrag habe nur, wer auf einer Kanzel steht, berühmt ist oder ein grosses Projekt leitet. Doch dir steht eine Tür zum Guten genau dort offen, wo du bist: zu Hause, im Beruf, unter Nachbarn und in der Moschee. Du kannst vermitteln, was du gut kannst, einer Familie helfen, einen Kranken besuchen, Verwandtschaft pflegen oder einem jungen Menschen Hoffnung eröffnen. Wir müssen nicht warten, bis sich alle Umstände ändern. Vielleicht liegt schon jetzt eine kleine gute Tat vor uns, zu der wir fähig sind.

Allah sagt sinngemäss: «Wir boten das anvertraute Gut den Himmeln, der Erde und den Bergen an. Sie weigerten sich, es zu tragen, und scheuten davor zurück. Der Mensch aber übernahm es.» Das anvertraute Gut ist kein ferner Begriff. Es ist dein Herz: Hast du es vor Härte, Hochmut und Neid geschützt? Es sind deine Augen: Worauf schauen sie? Es ist deine Zunge: Was sagst du über Menschen in ihrer Abwesenheit? Es ist dein Geld: Woher kommt es, und wohin geht es? Es ist deine Arbeit: Erfüllst du sie, wie es sich gehört? Es ist dein Ehepartner: Hast du die Beziehung zu einem Ort der Ruhe und Barmherzigkeit gemacht oder zu einem Feld von Klagen und Erschöpfung? Es sind deine Kinder: Weisst du, was täglich in ihren Verstand gelangt? Hören sie zu Hause Worte über Allah und das Jenseits, oder dreht sich alles nur um Schule, Lohn, Einkäufe und Bildschirme?[3]

In Europa drängen sich die Anforderungen von Arbeit, Familie, Sprache und Ausbildung. Jahre können vergehen, während wir aufschieben, was wir selbst für wichtiger halten. Beruflicher Erfolg, Spracherwerb und ein gesichertes Leben sind hilfreiche Wege. Wir hoffen, dadurch uns und unsere Familien zu versorgen und den Menschen zu dienen. Doch wir prüfen das Verhältnis neu, wenn mit jedem höheren Einkommen mehr Abwesenheit zu Hause oder mehr Nachlässigkeit im Gebet einhergeht. Was gewinnen wir, und was verlieren wir unterwegs?

Denkt an Chadidscha, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr. Sie stand nicht auf einer Kanzel, war aber in einem der bedeutendsten Augenblicke zu Beginn der Botschaft eine Stütze für den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Als er aus der Höhle Hira zurückkehrte und vor dem erschütternden Erlebten zitterte, sprach sie keine leeren Worte. Sie erinnerte ihn an das Gute, das ihn auszeichnete, und sagte sinngemäss: «Nein, bei Allah! Allah wird dich niemals zuschanden werden lassen. Du pflegst die Verwandtschaft, trägst die Last der Schwachen, unterstützt die Mittellosen, bewirtest den Gast und hilfst bei den Bedrängnissen, die Menschen treffen.» So kann sich ein Auftrag zeigen: Deine Gegenwart im Leben anderer gibt ihnen Halt. Deine Familie und deine Freunde finden in dir Güte, Barmherzigkeit und Hilfe.[4]

Ein Tag wird kommen, an dem das eigene Handeln endet. Der Mensch lässt seinen Besitz zurück, und es bleibt, was er für Allah vorausgeschickt hat. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte sinngemäss: «Wenn ein Mensch stirbt, endet sein Handeln ausser in drei Dingen: einer fortwirkenden Spende, Wissen, aus dem Nutzen gezogen wird, oder einem rechtschaffenen Kind, das für ihn betet.» Daraus lernen wir, dass Gutes weiterwirken kann: Wissen, das wir vermitteln, Erziehung, die wir pflegen, und eine Gabe, die Menschen nützt. Wir hoffen auf Allahs Annahme und verlangen nicht, jede Frucht unseres Einsatzes selbst zu sehen.[5]

Schätzt nicht gering, was euch möglich ist. Ein ehrliches Wort kann zum Anlass einer Umkehr werden. Ein Gespräch mit deinem Sohn kann helfen, ihn vor einem dunklen Weg zu bewahren. Ein gutes Bittgebet mitten in der Nacht kann ein Grund für den Schutz deines Hauses sein. Deine Ehrlichkeit am Arbeitsplatz kann eine stille Einladung zum Islam sein. Und deine Hand, die einem Bedürftigen eine Träne abwischt, kann bei Allah mehr wiegen als viele Worte.

Allah sagt sinngemäss: «An dem Tag, an dem weder Vermögen noch Kinder nützen, ausser dem, der mit einem heilen Herzen zu Allah kommt.» Hüten wir deshalb unsere Herzen, während wir nach einer guten Wirkung streben. Wir handeln für Allah und möchten durch unsere Hilfe weder Menschen besitzen noch sie an uns binden. Wir hoffen, dass unser Einsatz ihnen zum Rechten hilft, ihre Würde bewahrt und sie ihrem Herrn näherbringt.[6]

Eine Verantwortung zu tragen bedeutet nicht, die Ergebnisse all unseres Handelns zu kontrollieren. Wir erziehen unsere Kinder, beten für sie und begleiten sie gut. Sie treffen ihre eigenen Entscheidungen, und die Rechtleitung liegt bei Allah. Wir helfen einem Menschen aufrichtig; die Frucht der Hilfe kann sich verzögern oder uns verborgen bleiben. Wir prüfen uns bei dem, was uns möglich ist: Aufrichtigkeit, Weisheit und Handeln. Wir lernen aus Fehlern und belasten unser Herz nicht mit dem Anspruch, über das zu verfügen, was nicht in unserer Macht liegt.

Wer durch Krankheit oder hohes Alter belastet ist, steht nicht ausserhalb der Türen zum Guten. Vielleicht sind ihm ein Bittgebet, ein ermutigendes Wort oder das Weitergeben von Erfahrung möglich. Vielleicht braucht er selbst jemanden, der ihm dient und ihn ehrt. Wir messen den Wert eines Menschen nicht an seiner Produktivität und verlangen nicht von ihm, was ihn erschöpft. Jeder hat seine Fähigkeiten und Umstände. Allah kennt seine Absicht und sein Bemühen. Barmherzigkeit bedeutet, einander auf dem Weg zu unterstützen und für das Gute dankbar zu sein, so klein es uns auch erscheinen mag.

Wähle in dieser Woche eine nahe Verantwortung, die du vernachlässigt hast, und einen Schritt, bei dem du bleiben kannst: ein Gespräch mit einem Kind, das Vermitteln einer Fertigkeit, Kontakt zu Verwandten oder einen regelmässigen Beitrag zu etwas Gutem. Beginne mit dem, was du hast, und lass deinen Nutzen so weit reichen, wie es dir möglich ist.

O Allah, segne unsere Lebenszeit, hilf uns, das uns Anvertraute zu erfüllen, und bessere unsere Herzen und unsere Familien. Lass uns eine gute Wirkung hinterlassen, die Du von uns annimmst und aus der Deine Diener Nutzen ziehen.

Quellen
1. Koran, al-Mu'minun 23:115.
2. Koran, adh-Dhariyat 51:56.
3. Koran, al-Ahzab 33:72.
4. Sahih al-Buchari, Hadith 3.
5. Sahih Muslim, Hadith 1631.
6. Koran, asch-Schu'ara 26:88–89.

Leitgedanke
Beginne mit dem, was du hast, erfülle das dir Anvertraute und hinterlasse Gutes, dessen Nutzen weiterreicht.

Vorgeschlagene Ziele
Verstehen: Den Zusammenhang von Gottesdienst, Verantwortung und einer Wirkung erkennen, die über den Menschen hinaus bleibt.
Empfinden: Den Wert der eigenen Lebenszeit und die Möglichkeit zum Guten am eigenen Ort spüren.
Handeln: Eine naheliegende Verantwortung besser erfüllen und mit einer hilfreichen Tat beginnen, die sich fortsetzen lässt.

Gliederung
1. Das Leben hat eine Ausrichtung und führt zur Begegnung mit Allah.
2. Gottesdienst zeigt sich in den täglichen Verantwortlichkeiten.
3. Dort, wo du bist, steht dir eine Tür zum Guten offen.
4. Chadidscha und die Wirkung aufrichtiger Unterstützung.
5. Eine gute Tat, die weiterwirkt, und ein Schritt in dieser Woche.

Weitere Gedanken und Beispiele
Die predigende Person wählt aus den folgenden Gedanken und Beispielen, was zu Thema, Publikum und verfügbarer Zeit passt.

Erstens: Weitere mögliche Gedanken

1. Eine hilfreiche Tat braucht kein Publikum. Ein Kind zu unterrichten oder einem Nachbarn zu helfen hat einen Wert, auch wenn niemand es filmt.

2. Beständigkeit braucht Grenzen. Wer mehr übernimmt, als er tragen kann, hört vielleicht bald ganz auf. Man wählt, was neben Familie und Arbeit möglich ist.

3. Anderen etwas beizubringen schützt eine Arbeit vor dem Stillstand. Wir erklären die Aufgabe unseren Helfenden und behalten nicht alle Einzelheiten für uns.

4. Wer unsere Hilfe erhält, schuldet uns deshalb keinen Gehorsam. Wir erinnern ihn nicht jedes Mal an unsere Wohltat, wenn er anderer Meinung ist.

Zweitens: Praktische Beispiele aus dem Alltag

1. Wochen vergehen zwischen Arbeit, Rechnungen und Bildschirmen. Dann fragt der Sohn, wann sie Zeit miteinander verbringen können. Der Vater merkt, dass er sich an das letzte gemeinsame Sitzen ohne Eile nicht erinnert.

2. Ein Mensch kümmert sich allein um alle Einzelheiten eines freiwilligen Angebots. Niemand sonst kennt sie. Als er krank wird, steht die Arbeit still, und die anderen fragen nach Dingen, die er ihnen nie erklärt hat.

3. Ein Freiwilliger übernimmt mehr Aufgaben, als seine Umstände erlauben. Zu Hause vernachlässigt er Pflichten und kommt auch bei der freiwilligen Arbeit zu spät. Von beiden Seiten hört er Vorwürfe und fühlt sich durch das erschöpft, mit dem er Gutes tun wollte.

4. Jemand verspricht einem Angehörigen Hilfe bei einem behördlichen Vorgang und verschiebt sie Woche für Woche. Der Angehörige wartet auf das Versprechen und weiss nicht, ob er besser jemand anderen um Hilfe bitten soll.

5. Ein Mann unterstützt eine bedürftige Familie und erinnert sie bei jeder Meinungsverschiedenheit an seine Wohltat. Die Familie fürchtet sich inzwischen, eine Bitte von ihm abzulehnen, selbst wenn sie für sie unpassend ist.

6. Jemand möchte etwas Hilfreiches beginnen. Alles, was ihm möglich ist, erscheint ihm klein gegenüber dem, was er auf dem Bildschirm sieht. Er schiebt das Mögliche auf und wartet auf mehr Zeit, Geld oder Erfahrung.
