O Allah, bei Dir suche ich Schutz vor Sorge und Trauer

Alles Lob gebührt Allah. Segen und Frieden seien auf dem Gesandten Allahs und auf allen, die ihm folgen.

Zu den Bittgebeten unseres Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gehören diese Worte, sinngemäss übersetzt: «O Allah, bei Dir suche ich Schutz vor Sorge und Trauer, vor Unvermögen und Trägheit, vor Feigheit und Geiz, vor drückenden Schulden und davor, von Menschen überwältigt zu werden.»[1]

Wenige Worte, und doch steckt darin so viel vom Leben der Menschen! Eine Sorge, die dich wach hält; eine Trauer, die wiederkehrt; eine Tätigkeit, von der du weisst, dass sie dir nützt, die du aber nicht beginnst; Angst, die dich hindert; Schulden, die dich belasten; und ein Mensch, der Macht über einen Teil deines Lebens hat und dich damit bedrückt. Dieses Bittgebet scheint die Stellen unserer Erschöpfung eine nach der anderen zu berühren.

Bevor es jedoch die Lasten nennt, lehrt es uns, an wen wir uns wenden: «O Allah, bei Dir suche ich Schutz.» Mein Herr, ich vermag dies nicht allein gut zu tragen. Du weisst, was ich fürchte, was ich verloren habe und was ich vor den Menschen verberge. Vor ihnen erscheine ich vielleicht stark, doch Du kennst meine Schwäche. Vielleicht kann ich nicht einmal erklären, was mich bedrückt; Du weisst es schon, bevor ich spreche.

Hier beginnt die Verbindung zu Allah: dass dir im Herzen bewusst bleibt, wie sehr du Ihn brauchst, und dass du Seiner gedenkst, wenn die Angst stärker wird. Im Gebet sagen wir: «Allah ist grösser.» Dann gehen wir hinaus, und das Problem nimmt unser Blickfeld so sehr ein, dass wir nichts anderes mehr sehen! Wo bleibt die Bedeutung dieser Worte? Allah ist grösser als das, was ich fürchte. Er weiss besser, woran ich leide, und vermag mir mehr zu helfen, als ich mir vorstellen kann.

«Vor Sorge und Trauer.» Oft gilt die Trauer dem Vergangenen und die Sorge dem, was wir für die Zukunft fürchten. Dazwischen liegt dieser Tag, den wir gerade leben. Vielleicht trägt er schon genug, und wir legen ihm noch das Vergangene und das Ungekommene auf. Vielleicht ist er eigentlich ruhig, doch wir häufen Lasten auf ihm an, bis wir ihn nicht mehr in Ruhe erleben können.

Heute bin ich zu Hause und meine Familie ist bei mir. In Gedanken aber erlebe ich schon die Krankheit von morgen, den Verlust von morgen und die Trennung von morgen. Dann kehre ich zum Gestern zurück und durchlebe jeden Schmerz erneut. Liebe Geschwister, wir wissen nicht, was der morgige Tag bringt. Warum sollten wir heute schon all seine schmerzhaften Möglichkeiten tragen?

Manche Trauer rufen wir selbst erneut hervor. Eine alte Nachricht: Ich weiss, dass wiederholtes Lesen mich unruhiger macht, und suche sie doch wieder heraus. Ein Profil, nach dessen Besuch ich mit meinem Leben hadere, und das ich trotzdem jeden Abend aufrufe. Als würden wir dem Herzen, sobald es etwas ruhiger wird, sagen: Diese Last fehlt noch!

Und dann dieses endlose Gespräch: Wo sind die alten Zeiten, als die Welt noch gut war? Als wäre alles Gute dort zurückgeblieben! Als hätte Allah den Menschen von gestern Gaben geschenkt und uns nichts gegeben! In der Vergangenheit gibt es vieles, das wir lieben. In der Gegenwart gibt es Gaben, die wir übersehen, während wir um die Vergangenheit weinen.

Treue gegenüber einem verstorbenen Menschen verlangt nicht, uns jede Freude zu versagen. Für ihn zu beten ist Treue, in seinem Namen zu spenden ist Treue. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gedachte Chadidschas und erwies ihren Freundinnen Gutes. Trauer um geliebte Menschen ist natürlich; ihre Welle kann ohne unser Zutun wiederkehren. Wir tadeln niemanden für eine Träne und setzen ihm keine Frist, bis zu der er seinen Verlust überwunden haben soll. Wir gehen vielmehr behutsam mit uns selbst um, machen die Erinnerung zu einem Anlass für Gebet und gute Taten und lassen den Gaben, die in unserem Leben geblieben sind, einen Platz in unserem Herzen.[2]

Das Herz braucht Barmherzigkeit und niemanden, der es immer wieder verletzt. Wenn wir merken, dass wir um denselben Schmerz kreisen, suchen wir aufrichtige Unterstützung und verringern, soweit wir können, die Anlässe, die ihn immer neu aufrufen.

Den Schmerz einer Trauer, die wir nicht gewählt haben, zeigt uns der Koran. Die Mutter von Musa: Eine Mutter, deren Säugling nicht mehr bei ihr ist – wie muss ihr Herz sein? Allah sagt sinngemäss: «Hätten Wir ihr Herz nicht gefestigt …» Musa war noch nicht zu ihr zurückgekehrt, aber Allah hatte ihr Herz gestärkt. Diese Bedeutung brauchen wir: Wir warten vielleicht darauf, dass sich unsere Lage verändert, und brauchen gerade dann Allahs Beistand für das Herz, das wartet.[3]

Vielleicht sagen wir: Mein Herr, ich bitte Dich, doch das Problem ist unverändert. In dieser Begebenheit findet das Herz ein weiteres Bittgebet: Mein Herr, festige mein Herz, bis Deine Erleichterung kommt. Allahs Beistand beschränkt sich nicht auf die Form, die wir erwarten.

Dann folgen «Unvermögen und Trägheit». Ein Mensch kann tatsächlich etwas nicht schaffen und jemanden brauchen, der ihm hilft. Vielleicht kann er aber etwas tun und lässt es dennoch, weil er nicht alles tun kann. So wird aus der Schwierigkeit des Weges ein Stillstand auf dem Weg.

Unser Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lehrte sinngemäss: «Bemühe dich um das, was dir nützt, bitte Allah um Hilfe und gib nicht auf.» Krankheit oder Erschöpfung können die Tatkraft eines Menschen schwächen. Deshalb bezeichnen wir nicht jeden müden Menschen als träge. Die Bitte um Allahs Hilfe geht mit dem Schritt einher, der möglich ist: eine Bewerbung, die Verbesserung einer Beziehung oder Unterstützung, die wir brauchen. Bei starker Belastung kann dies auch fachliche Hilfe sein. Es muss nicht immer ein grosser Anfang sein. Manchmal verändert ein kleiner, lange aufgeschobener Schritt die Richtung deines Tages.[4]

Dann folgen «Feigheit und Geiz»: Angst hält ein Wort zurück, das einem unterdrückten Menschen helfen könnte; die Bindung ans Geld hält eine Hand zurück, die einem Bedürftigen helfen könnte. Hier stellt sich uns eine Frage: Wir erhoffen Allahs Hilfe. Wo aber bleibt unsere Hilfe für Seine Diener?

Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte sinngemäss: «Allah hilft dem Diener, solange dieser seinem Bruder hilft.» Wenn du möchtest, dass Allah dir Erleichterung schenkt, erleichtere auch du den Menschen ihre Last. Vielleicht sagst du: Ich habe selbst Sorgen! Ja, und trotz deiner Sorgen besitzt du vielleicht etwas, das deinem Bruder fehlt: Erfahrung, die ihm einen Weg eröffnet, oder Zeit, in der du ihm zuhörst.[5]

Wir warten nicht, bis unser Leben frei von Lasten ist, bevor wir anderen nützen. Vielleicht braucht dich ein Mensch gerade dann, wenn du Allah brauchst. Deine Hilfe für ihn kann ein Weg sein, auf dem du den Beistand deines Herrn erhoffst.

Und die «drückenden Schulden»: Diese Schwere kennt, wer auf sein Telefon schaut und eine neue Zahlungsforderung befürchtet. Hinter manchen Schulden stehen Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Hinter anderen steht ein Vergleich: Warum hat der andere etwas und ich nicht? So kaufen wir flüchtige Bewunderung und tragen lange Sorge.

Vielleicht befindet sich in dieser Last ein Stein, den wir herausnehmen können: ein Kauf, auf den wir verzichten; eine Ausgabe, die wir überprüfen; oder eine Beratung, die einen Weg zur Rückzahlung eröffnet. Vielleicht bin aber auch ich der Gläubiger. Dann liegt es in meiner Hand, meinem Bruder Aufschub zu gewähren, seine Würde zu achten und ihm eine Nacht seiner Angst zu erleichtern.

Dann das «Überwältigtwerden durch Menschen»: ein ungerechter Vorgesetzter, ein herrschsüchtiger Angehöriger oder jemand, der die Bedürftigkeit eines anderen ausnutzt. Der Unterdrückte hat einen Herrn, der hört. Er darf sein Recht einfordern und rechtliche Möglichkeiten sowie fachkundige Unterstützung nutzen.

Doch das Bittgebet hält uns auch einen Spiegel vor. Ich suche bei Allah Schutz vor der Unterdrückung durch Menschen. Gibt es jemanden, der unter meiner Unterdrückung leidet? Wird meiner Familie ruhig ums Herz, wenn ich hereinkomme, oder verkrampft sie sich? Helfe ich einem Bedürftigen und belaste ihn anschliessend, indem ich ihn immer wieder an meine Wohltat erinnere? Wie schwer wiegt es, Barmherzigkeit für uns selbst zu erbitten, während die Menschen, die uns am nächsten stehen, sie von uns erwarten!

Liebe Geschwister, jeder von uns trägt etwas, das ihn ermüdet. Nennen wir Allah unsere Last und beginnen wir mit dem, was wir tun können. Denken wir zugleich an einen Menschen, von dem wir wissen, dass er erschöpft ist. Beten wir für ihn und versuchen wir, ihm zu helfen: einen Kranken begleiten, einen Arbeitssuchenden unterstützen, einem zahlungsunfähigen Schuldner Aufschub geben oder einem einsamen Menschen zuhören.

O Allah, hilf uns mit dem, was wir tragen, und mache uns zur Hilfe für andere, die Lasten tragen. O Allah, überlasse uns nicht uns selbst. Festige unsere Herzen und erleichtere unsere Nöte und die Nöte Deiner Diener.

Quellen
1. Sahih al-Buchari, Hadith 6369.
2. Sahih al-Buchari, Hadith 3818.
3. Koran, al-Qasas 28:10.
4. Sahih Muslim, Hadith 2664.
5. Sahih Muslim, Hadith 2699.

Leitgedanke
Mit meiner Last wende ich mich an Allah, tue, was ich kann, und helfe anderen, ihre Last zu tragen.

Vorgeschlagene Ziele
Verstehen: Die Bedeutungen des prophetischen Bittgebets und ihren Bezug zu den Lasten des Lebens erfassen.
Empfinden: Allahs Nähe und Barmherzigkeit in der eigenen Sorge spüren.
Handeln: Mit einem Schritt die eigene Last erleichtern und einem Menschen in der Umgebung passend helfen.

Gliederung
1. Sich Allah zuwenden, noch bevor die Lasten aufgezählt werden.
2. Sorge, Trauer und ein behutsamer Umgang mit dem müden Herzen.
3. Unvermögen und Trägheit: Hilfe erbitten und mögliche Schritte unternehmen.
4. Feigheit, Geiz und Schulden: prüfen, was wir zurückhalten und was wir tragen.
5. Unterdrückung durch Menschen und unsere Verantwortung, sie zu lindern.
6. Eine Last angehen und einem Menschen helfen.

Weitere Gedanken und Beispiele
Die predigende Person wählt aus den folgenden Gedanken und Beispielen, was zu Thema, Publikum und verfügbarer Zeit passt.

Erstens: Weitere mögliche Gedanken

1. Ein guter Rat beginnt nicht immer mit einer Lösung. Wer Sorgen hat, braucht vielleicht zuerst Raum zum Erzählen, ohne Unterbrechung und ohne Vergleich mit dem Schmerz anderer.

2. Bittgebet und Hilfesuche gehören zusammen. Wer komplizierte Unterlagen oder Schulden vor sich hat, braucht vielleicht jemanden, der sich mit ihm hinsetzt und sie gemeinsam versteht.

3. Trauer endet nicht zu einem Zeitpunkt, den wir festlegen. Ein Mensch kann heute lachen und morgen um einen Verstorbenen weinen. Wir beschämen ihn nicht mit der Frage: Hast du es immer noch nicht vergessen?

4. Vielleicht vergrössern wir unabsichtlich die Last unserer Familie. Wiederholte Vorwürfe und ständige Erinnerungen an unsere Wohltaten ermüden die Menschen, die mit uns leben. Prüfen wir einen Satz, den wir oft sagen.

Zweitens: Praktische Beispiele aus dem Alltag

1. Ein amtlicher Brief kommt in einer Sprache, die der Empfänger nicht gut versteht. Er liest einzelne Wörter, fürchtet ihre Bedeutung und schiebt es auf, den Umschlag erneut zu öffnen, während die darin genannte Frist näher rückt.

2. Ein Mensch sieht den Anruf seines Gläubigers und lässt das Telefon klingeln. Er weiss, dass er zahlen muss, doch sein Einkommen reicht nicht mehr. Inzwischen fürchtet er jeden Anruf von einer unbekannten Nummer.

3. Eine Frau verschickt Bewerbungen und erhält keine Antwort. Bei jedem Treffen hört sie die Frage, warum sie noch zu Hause sei. Zu ihrer Sorge um den Lebensunterhalt tritt die Scham, anderen zu begegnen.

4. Nach einem Todesfall kehrt eine Familie in ihren Alltag zurück. Ein Angehöriger leidet weiter. Wenn er weint, hört er: Hast du es immer noch nicht vergessen? Er verbirgt seine Trauer, um niemanden zu belasten.

5. Ein Sohn kommt verspätet heim. Bevor ein Elternteil weiss, was geschehen ist, stellt er sich schmerzhafte Möglichkeiten vor und ruft immer wieder an. Als der Sohn das Haus betritt, schlägt die Angst in Ärger um.

6. Ein Vorgesetzter macht einen Arbeitnehmer für die Fehler anderer verantwortlich und droht ihm mit Entlassung. Der Mann braucht seinen Lohn. Jeden Tag kehrt er mit Angst vor morgen und dem Gefühl heim, nicht sprechen zu können.
