Wenn der Faden reisst

Alles Lob gebührt Allah. Segen und Frieden seien auf dem Gesandten Allahs und auf allen, die ihm folgen.

Allah, der Erhabene, sagt sinngemäss: «Sprich: Mein Gebet, mein Opferdienst, mein Leben und mein Sterben gehören Allah, dem Herrn der Welten.»[1]

Liebe Geschwister, heute sprechen die Menschen über Zeitmanagement, Aufgabenplanung, Projektführung, Prioritäten und die Gestaltung ihrer verschiedenen Rollen, ja auch über eine Führung nach Werten und Grundsätzen. Das ist hilfreich, und wir brauchen es. Zugleich eröffnet uns der Koran eine weitere Frage: Was tust du, und wann tust du es? Aber auch: Wem gehört dein ganzes Leben? Welche Ausrichtung verbindet seine verschiedenen Teile?

Jeder von uns hat viele Rollen: Vater oder Mutter, Ehemann oder Ehefrau, Angestellter oder Unternehmer, Kind seiner Eltern, Nachbar, Freund und Betender in seiner Moschee. Die Schwierigkeit liegt nicht in der Vielzahl dieser Rollen. Sie beginnt dort, wo jede Rolle uns in eine andere Richtung zieht, sodass wir ein einziges Leben mit einem zerrissenen Herzen führen.

Deshalb sagt der Koran nicht, nur mein Gebet gehöre Allah. Er sagt sinngemäss: «Mein Leben und mein Sterben gehören Allah.» Meine Arbeit ist für Allah, wenn ich sie gewissenhaft verrichte. Mein Vermögen ist für Allah, wenn ich es auf erlaubte Weise erwerbe und rechtmässig ausgebe. Meine Familie ist für Allah, wenn ich für sie sorge und ihr mit Barmherzigkeit begegne. Auch meine Erholung und mein Ehrgeiz gehören dazu, solange sie ihren angemessenen Platz behalten und nicht mein Herz beherrschen.[2]

Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte sinngemäss: «Wer das Diesseits zu seiner grössten Sorge macht, dessen Angelegenheiten zerstreut Allah und stellt ihm seine Armut vor Augen; vom Diesseits erreicht ihn dennoch nur, was für ihn bestimmt wurde. Wer aber das Jenseits zu seiner Absicht macht, dessen Angelegenheiten führt Allah zusammen, legt seinen Reichtum in sein Herz, und das Diesseits kommt zu ihm, auch wenn es sich dagegen sträubt.»[3]

Denkt über diese Worte nach: «Dessen Angelegenheiten zerstreut Allah» und im Gegensatz dazu: «Dessen Angelegenheiten führt Allah zusammen.» Das Jenseits zur eigenen Absicht zu machen bedeutet nicht, das weltliche Leben, die Arbeit oder die Zukunftsplanung aufzugeben. Es bedeutet, viele Aufgaben und Sorgen zu haben, hinter denen ein grösseres Ziel steht, das ihnen eine Ordnung gibt. Du arbeitest und weisst, warum. Du erwirbst Vermögen und kennst seinen Platz. Du erziehst deine Kinder und weisst, woraufhin. Du lernst und hast Erfolg, doch Erfolg wird nicht zum höchsten Lebensziel, und die Meinung anderer wird nicht zu deiner Gebetsrichtung.

Reichtum im Herzen bedeutet nicht, dass ein gläubiger Mensch weder trauert noch ermüdet. Es bedeutet, dass sein Einkommen weder zum Mass seines Wertes noch zum Sinn seines Daseins wird.

Vielleicht besteht unser heutiges Problem nicht darin, dass wir keine Ziele haben. Vielleicht haben wir viele Ziele, aber keine gemeinsame Ausrichtung, die sie verbindet. Hier beginnt die Zerstreuung unserer Angelegenheiten.

Ein Mensch wacht auf und ist in Gedanken schon bei der Arbeit. Dann greift er zum Telefon: eine Nachricht, eine Meldung, ein Video, ein Vergleich und schliesslich Angst vor morgen. Er kehrt heim; sein Körper ist bei seiner Familie, sein Herz aber anderswo. Vielleicht sitzen vier Menschen an einem Tisch, während jeder in einer anderen Welt lebt.

Das Telefon ist an sich nichts Schlechtes. Es ist ein Werkzeug, das viel Gutes ermöglicht. Die Frage lautet jedoch: Nutze ich es, oder besitzt inzwischen jede Benachrichtigung ein Stück meiner Aufmerksamkeit? Nicht jede Nachricht muss ich kennen, und nicht an jeder Diskussion muss ich teilnehmen.

Noch schwerer wiegt es, wenn diese Zerstreuung unsere Beziehung zu Allah erreicht. Wir stehen im Gebet, und mit uns sind die Arbeit, das Telefon, das Geld und das Problem eingetreten. Wir öffnen den Koran und lesen, während unser Herz an anderen Orten ist. Wir hören viele Vorträge, wechseln aber vielleicht zum nächsten, bevor wir etwas vom Gelernten im Alltag ausprobiert haben. Wir verfolgen jede religiöse Debatte und fragen uns dabei nicht: Gegen welche Sünde kämpfe ich an? Welche Charaktereigenschaft verbessere ich? Bei welcher gottesdienstlichen Handlung bleibe ich beständig?

Über Saba sagt Allah sinngemäss: «So machten Wir sie zu Erzählungen und zerstreuten sie vollständig.» Der Vers handelt ursprünglich davon, dass sie nach ihrem Zusammenleben über verschiedene Länder verstreut wurden. Betrachtet aber das Bild: Was zusammengehörte, liegt nun in getrennten Teilen vor uns. Ein Mensch kann eine andere Form der Zerrissenheit erfahren: Seine Zeit, seine Aufmerksamkeit und sein Herz sind so aufgeteilt, dass er sich kaum noch auf etwas sammeln kann.[4]

Stellt euch die Perlen einer Gebetskette vor, aufgereiht an einem Faden. Es sind viele Perlen, und doch bilden sie ein Ganzes, weil ein Faden sie verbindet. Diese Perle könnte meine Arbeit sein, jene meine Familie, eine weitere mein Vermögen, meine Gesundheit, meine Freunde, meine Wünsche oder mein Gottesdienst. Der Islam verlangt nicht, dass ich die Perlen beseitige. Er gibt mir den Faden, der sie verbindet. Sinngemäss heisst es: «Mein Leben und mein Sterben gehören Allah, dem Herrn der Welten.»[5]

Stellt euch dieselben Perlen vor, wenn der Faden reisst: Sie fallen zu Boden und rollen auseinander. Die Perlen sind nicht verschwunden; verloren ging der Faden. So kann ein Mensch weiterhin Angestellter, Vater, Ehemann, Freund und Betender sein, Vermögen, Vorhaben und Wünsche haben, während sein Leben innerlich auseinanderfällt. Hier verstehen wir die Worte über das Zerstreuen und das Zusammenführen seiner Angelegenheiten.

Vielleicht besteht unsere heutige Aufgabe darin, nach diesem Faden zu suchen. Bevor wir unserem vollen Kalender eine weitere Aufgabe hinzufügen, prüfen wir unsere Ausrichtung: Mit welcher Tätigkeit erfüllen wir eine wirkliche Verpflichtung, und welche verbraucht unsere Lebenszeit nur deshalb, weil wir sie uns angewöhnt haben?

Nimm dir nach diesem Freitagsgebet einen kurzen, ruhigen Moment: in der Moschee, wenn die Menschen gegangen sind, allein in deinem Zimmer oder an einem stillen Ort im Park. Vollziehe in Ruhe die Gebetswaschung, falls sie nötig ist. Lege dein Telefon ausser Reichweite oder schalte es für eine Weile aus. Gedenke dann Allahs mit überlieferten Worten, soweit es dir möglich ist, und vergegenwärtige dir, wie sehr du Ihn brauchst. Sprich sinngemäss: «Du ewig Lebendiger, Du, der alles erhält! Bei Deiner Barmherzigkeit suche ich Hilfe. Bringe all meine Angelegenheiten in Ordnung und überlasse mich nicht einmal für einen Augenblick mir selbst.» Dies gehört zu den Bittgebeten, die der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Fatima, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, empfohlen hat.[6]

Bleibe dann einen Moment mit dir selbst. Denke daran: Vieles, wofür du dich heute abmühst, wirst du eines Tages anderen hinterlassen – das Haus, das Geld, die Dinge und die Vorhaben. Du wirst allein gehen und vor Allah, dem Erhabenen, stehen. Stelle dir diesen Augenblick vor, nicht um in lähmende Angst zu geraten, sondern um das rechte Mass wiederzufinden: Was bleibt von all dem? Was verdient es, im Mittelpunkt meines Lebens zu stehen?

Frage dich: Was verbindet mein Leben? Was zerstreut mein Herz in diesen Tagen am meisten? Ich bin Vater, Ehemann, Arbeitnehmer, Freund und Betender. Sind dies die Rollen eines Menschen mit einer gemeinsamen Ausrichtung? Oder verteile ich mich inzwischen so sehr auf sie, dass ich mich selbst beinahe verliere?

Bitte Allah aufrichtig: Mein Herr, richte mein Herz auf Deinen Gehorsam aus, ordne meine Angelegenheiten und hilf mir, die Rechte zu erfüllen, die Du mir anvertraut hast. Vorübergehende Unruhe und viele Verantwortlichkeiten bedeuten keine Schwäche des Glaubens. Doch neben der Bitte um Hilfe müssen wir ordnen, was wir ordnen können, und bei Bedarf Unterstützung annehmen.

Vielleicht brauchen wir nicht immer mehr Aufgaben, mehr Informationen oder mehr Projekte. Vielleicht brauchen wir den Faden zurück, der unser Leben verbindet. Wir müssen uns vergegenwärtigen: Zu Dir führt das Ende, mein Herr. Alles, was wir in Händen halten, sind Mittel und nicht das letzte Ziel.

Sinngemäss heisst es im Koran: «Sprich: Mein Gebet, mein Opferdienst, mein Leben und mein Sterben gehören Allah, dem Herrn der Welten. Er hat keinen Teilhaber. Dies wurde mir befohlen, und ich bin der Erste derer, die sich Ihm ergeben.»[7]

Quellen
1. Koran, al-An'am 6:162.
2. Koran, al-An'am 6:162.
3. Sunan Ibn Madscha, Hadith 4105; die Überlieferungskette ist authentisch.
4. Koran, Saba 34:19.
5. Koran, al-An'am 6:162.
6. Überliefert von an-Nasa'i in as-Sunan al-Kubra, Hadith 10405; von al-Albani in Sahih at-Targhib wa-t-Tarhib, Hadith 661, als gut eingestuft.
7. Koran, al-An'am 6:162–163.

Leitgedanke
Die Rollen unseres Lebens finden zusammen, wenn eine gemeinsame Ausrichtung sie verbindet: für Allah zu leben.

Vorgeschlagene Ziele
Verstehen: Die Hingabe an Allah verbindet die verschiedenen Rollen des Lebens zu einem gemeinsamen Ziel.
Empfinden: Mitten in den Aufgaben die Sehnsucht nach einem Herzen spüren, das sich auf Allah ausrichtet.
Handeln: Prüfen, was das Herz zerstreut, und eine Veränderung wählen, die die eigenen Prioritäten neu ordnet.

Gliederung
1. Das ganze Leben gehört Allah: Gebet, Arbeit, Familie und Erholung.
2. Viele Ziele und die Suche nach einer Ausrichtung, die sie verbindet.
3. Wie Zerstreuung unsere Gegenwart bei Allah und bei den Menschen aufzehrt.
4. Der Faden, der die Perlen zusammenhält: ein Bild für unsere Ausrichtung.
5. Ein ruhiger Moment, aus dem eine konkrete Veränderung erwächst.

Weitere Gedanken und Beispiele
Die predigende Person wählt aus den folgenden Gedanken und Beispielen, was zu Thema, Publikum und verfügbarer Zeit passt.

Erstens: Weitere mögliche Gedanken

1. Viele Aufgaben bedeuten keine schlechte Absicht. Arbeit, die Betreuung eines Kindes und die Krankheit eines Angehörigen können zusammenkommen. Wir beginnen bei dem, was sich erleichtern lässt, und tadeln einen Menschen nicht für alles, was er nicht geschafft hat.

2. Manche Zerstreuung entsteht, weil wir jeder Bitte zustimmen. Wir dürfen höflich sagen, dass wir gerade nicht können, statt etwas zu versprechen, von dem wir wissen, dass wir es nicht halten werden.

3. Weniges zu lernen und umzusetzen ist wertvoll. Wer einen Rat zum Umgang mit Ärger hört, probiert ihn zu Hause aus, bevor er Dutzende weitere Videos sammelt.

4. Bei der Familie wirklich anwesend zu sein erfordert nicht immer viel Zeit. Manchmal genügt es, den Bildschirm auszuschalten und bis zum Ende zuzuhören.

Zweitens: Praktische Beispiele aus dem Alltag

1. Die Familie sitzt an einem Tisch, doch alle schauen auf ihr Telefon. Ein Kind versucht zu erzählen, was in der Schule geschehen ist. Mehrfach wird es unterbrochen, bis es schweigt.

2. Ein Angestellter nimmt jedes Mal zusätzliche Arbeitsstunden an, wenn man ihn darum bittet. Er kommt spät und müde nach Hause. Die Familie braucht seinen Verdienst, spürt aber zugleich, dass sie ihn kaum noch bei sich hat.

3. Jemand wechselt den ganzen Abend zwischen Nachrichten, Mitteilungen und Videos. Im Gebet kehren all diese Einzelheiten wieder. Der Tag endet, ohne dass er sein Vorhaben erledigt hätte oder sich erholt fühlt.

4. Jemand kauft Lernkurse und speichert Dutzende nützlicher Videos. Kaum beginnt er mit etwas, entdeckt er etwas Neues und lässt das Erste liegen. Die Materialien häufen sich, ohne dass er eines bis zum Ende durcharbeitet.

5. Ein Freiwilliger sagt zu jeder Aufgabe Ja. Als die Termine zusammenfallen, kommt er zu manchen zu spät. Andere warten auf ihn, während er sich schämt und nicht weiss, wie er erklären soll, was geschehen ist.

6. Ein Vater verbringt den Tag zwischen Arbeit, Haushaltsaufgaben und Terminen für ein krankes Kind. Von anderen hört er, dass er hier und dort zu wenig tue. Er selbst weiss nicht, welcher Notwendigkeit er Vorrang geben soll, wenn alles gleichzeitig auf ihn zukommt.
