Das Volk von Saba: Sehen wir die Gaben noch?

Alles Lob gebührt Gott. Segen und Frieden seien auf Seinem Gesandten und auf denen, die ihm folgen.

Gott, der Erhabene, sagt – sinngemässe Übersetzung von Saba 34:15: «Für Saba lag in ihrem Wohngebiet ein Zeichen: zwei Gärten, einer zur Rechten und einer zur Linken. Esst von der Versorgung eures Herrn und dankt Ihm. Ein gutes Land und ein Herr, der viel vergibt.»[1]

Liebe Brüder, wenn Gott uns von einem Volk erzählt, das vor uns lebte, sollen wir dadurch auch uns selbst erkennen und fragen: Wo stehen wir auf diesem Weg? Was lernen wir daraus? Zu diesen Berichten gehört die Geschichte von Saba, dessen Menschen Gott mit grossen Gaben beschenkt hatte.

Achtet darauf, dass die Gabe als Zeichen beschrieben wird: etwas, das ihnen zugutekommt und in dem sie Gottes Güte, Macht und Barmherzigkeit erkennen können. Lebt ein Mensch jedoch lange inmitten einer Gabe, gewöhnt er sich an sie und nimmt sie vielleicht nicht mehr wahr. Er wacht gesund auf und bemerkt seine Gesundheit nicht. Er dreht den Wasserhahn auf, das Wasser fliesst, und er denkt nicht darüber nach. Er geht in Sicherheit hinaus und kehrt sicher zurück, bis er die Sicherheit vergisst. Er sieht seine Kinder jeden Tag, bis ihre Gesichter zum selbstverständlichen Teil seines Lebens werden.

Vielleicht ist ein Mensch heute von Dingen umgeben, um die er Gott vor Jahren gebeten hat, und lebt dennoch unzufrieden. Er hat die Tage der Bedürftigkeit vergessen und so lange auf das geschaut, was ihm fehlt, dass er das Vorhandene aus dem Blick verloren hat. Hier beginnt Dankbarkeit: im Sehen, noch bevor sie zum Wort wird. Das Herz entdeckt den Wert dessen wieder, woran sich die Augen gewöhnt haben, und erinnert sich an den Herrn, der uns diese Gaben aus Güte gewährt hat.

Dann sagt Gott – sinngemäss: «Esst von der Versorgung eures Herrn und dankt Ihm.» Die guten Dinge sind erlaubt. Ihr Genuss soll mit der Erkenntnis des Gebers und dem Dank an Ihn verbunden sein. Nimm die Gabe an, ohne ihren Geber zu vergessen. Geniesse, was Gott erlaubt hat, und lass die Erholung dir beim Gehorsam gegenüber Ihm helfen und das Geld zu einem Mittel des Guten werden. Besitze Dinge, aber lass die Dinge nicht dein Herz besitzen.[2]

Zu Gottes Gaben für Saba gehörten leichte Reisen und sichere Wege. Er sagt sinngemäss: «Reist darin bei Nacht und bei Tag in Sicherheit.» Wir lesen von ihren Gaben und staunen. Doch hielten wir einen Moment inne, würden wir auch in unserem Leben vieles finden, das Dank verdient. In viele unserer Häuser gelangen Lebensmittel aus fernen Ländern. In wenigen Stunden legen wir Strecken zurück, für die früher Tage nötig waren. Wir sprechen mit Angehörigen in einem anderen Land und sehen gleichzeitig ihre Gesichter.[3]

Wasser, Wärme und Licht erreichen uns. Uns stehen Möglichkeiten zum Lernen und zur Behandlung zur Verfügung, die die meisten Menschen vor uns nicht kannten. Vielleicht ärgert sich jemand über eine langsame Verbindung und vergisst die Gabe, die Stimme seiner weit entfernten Mutter hören zu können. Oder er beklagt sich über ein Gericht, das erneut auf dem Tisch steht, und vergisst die Tage, an denen er sich genau dieses Essen gewünscht hat. Solche kleinen Momente des Innehaltens machen die Gaben im Herzen wieder gegenwärtig. Unsere Lebenslagen unterscheiden sich. Unter uns sind Kranke, Menschen voller Sorgen und Bedürftige. Dankbarkeit verlangt von niemandem, seinen Schmerz zu leugnen. Sie hilft ihm vielmehr, das Gute wahrzunehmen, das ihm geblieben ist, während er sich um Linderung bemüht. Wie viele nahe Gaben sind unserem Herzen entgangen, weil wir mit dem beschäftigt waren, was uns fehlt!

Dann beschreibt eine kurze Wendung in der Geschichte von Saba ihre Haltung zu dieser Güte. Sinngemäss heisst es: «Doch sie wandten sich ab.» Sie wandten sich vom Dank an Gott und vom Gehorsam gegenüber Ihm ab. Darauf traf sie die im Koran beschriebene Strafe. Der Vers bedeutet sinngemäss: «Da sandten Wir über sie die Flut des Dammes und tauschten ihre beiden Gärten gegen zwei andere ein, mit bitteren Früchten, Tamarisken und einigen wenigen Lotosbäumen.» Anschliessend nennt Gott den Grund, sinngemäss: «So vergalten Wir ihnen ihre Undankbarkeit. Vergelten Wir so jemand anderem als dem Undankbaren?»[4][5][6]

Bevor sich die beiden Gärten veränderten, hatten sie sich abgewandt. Das ruft uns dazu auf, um unsere Herzen besorgt zu sein, wenn wir meinen, mit den Gaben ohne ihren Geber auszukommen, und so leben, als sei unser Besitz ein garantiertes Recht, ohne Gottes Güte darin und ohne eigene Verantwortung. Bei Saba hat Gott uns den Grund der Strafe ausdrücklich mitgeteilt. Wir dürfen diese Geschichte deshalb nicht zum Urteil machen, jede Krankheit oder jedes Unglück sei eine Strafe. Wir lesen sie vielmehr, um uns selbst zu prüfen: Was haben die Gaben mit unserer Beziehung zu Gott gemacht?

Liebe Brüder, vielleicht erinnert sich ein Mensch an seinen Herrn, wenn ihm das Leben eng wird, und vergisst Ihn, sobald es wieder leichter wird. Deshalb müssen wir unsere Verbindung zu Gott gerade in guten Zeiten prüfen: Hat uns ein grösseres Einkommen zum Gebet, zu Spenden und zur Pflege der Verwandtschaft verholfen? Oder hat es uns noch stärker beschäftigt, bis für Gott kaum etwas von unserem Tag übrig blieb? Haben wir für die Gabe der Zeit gedankt? Oder verging sie zwischen Aufschieben und Scrollen, worauf wir uns beklagten, dass sie nicht ausreiche?

Ein Zeichen des dankbaren Herzens ist, dass ständiges Murren und Klagen abnehmen. Es besteht ein Unterschied zwischen jemandem, der das Vorhandene sieht und sich dennoch um Verbesserung bemüht, und jemandem, dessen Blick nur auf dem Fehlenden ruht. Kaum ist ein Wunsch erfüllt, wird er selbstverständlich, und schon sucht er nach dem, was andere haben. Das Gute kann ganz nah sein. Doch wenn wir ständig auf das Fehlende schauen, verdeckt uns das den eigenen Besitz. Halten wir einen Moment bei dem inne, was Gott uns geschenkt hat, bevor wir auf das blicken, was Er anderen gegeben hat.

Zur Dankbarkeit gehört, dass eine Gabe über ihren Besitzer hinauswirkt. Wenn wir den Wert dessen spüren, was wir haben, können wir eher die Menschen wahrnehmen, die es brauchen. Wer Essen als Gabe erkennt, erinnert sich an Hungernde. Wer ein Zuhause und Sicherheit zu schätzen weiss, denkt an Menschen, die ihr Zuhause verloren haben oder in Angst leben. Um uns herum gibt es Bedürftige, Waisen und Vertriebene. In Palästina und anderswo brauchen Menschen unsere Hilfe. Niemand soll das gesamte Leid der Welt auf seinen Schultern tragen. Aber etwas von Gottes Güte, die ihn erreicht hat, soll zu anderen weitergelangen.

Das beschränkt sich nicht auf Geld. Für Wissen danken wir, indem wir lehren; für die eigene Kraft, indem wir helfen; für Zeit, indem wir etwas davon Menschen schenken, die uns brauchen. Vielleicht ist ein Anruf bei Verwandten, die Unterstützung eines Nachbarn oder eine Stunde Unterricht für ein Kind die Tat, die dir heute möglich ist. Suche nach dem, was du tun kannst. Schätze das naheliegende Gute nicht gering, während du auf ein grosses Werk wartest, das vielleicht nie kommt.

Zu den nahen Gaben gehört eine Moschee, in der wir uns zum Gebet und zum Koran versammeln, unsere Kinder lernen und Muslime Unterstützung für ihren Glauben finden. Dankbarkeit dafür zeigt sich darin, sie mit Gottesdienst zu beleben, sie zu bewahren und nach unseren Möglichkeiten zu ihrem Dienst, Unterricht und Unterhalt beizutragen. Was wir dort einsetzen, wirkt weiter: auf Kinder, die lernen, auf Jugendliche, die gute Gemeinschaft finden, und auf einen neuen Muslim, der willkommen geheissen und unterrichtet wird. Diese Gabe verdient es, dass wir sie wahrnehmen und unseren Anteil an ihrer Pflege tragen.

Wähle diese Woche eine Gabe aus, an die du dich so sehr gewöhnt hast, dass du sie kaum noch siehst. Halte einen Moment bei ihr inne und sage: Mein Herr, das kommt von Dir. Dann lass den Dank sichtbar werden: in Barmherzigkeit, einer Spende, einem erfüllten Recht oder etwas Gutem, das einen anderen Menschen erreicht. Die Geschichte von Saba lädt uns zu der Frage ein: Sehen wir Gottes Gaben noch? Und was machen wir mit ihnen?

Eine Gabe findet ihre Erfüllung nicht allein darin, dass wir sie besitzen. Sie findet sie darin, dass wir ihren Geber erkennen und gut mit ihr umgehen. Wir bitten Gott, uns Seine Gaben erkennen zu lassen, uns zu den Dankbaren zu zählen und das zu segnen, womit Er uns versorgt hat. Mögen Seine Gaben uns helfen, Ihm zu gehorchen und Seinen Geschöpfen barmherzig zu begegnen.

Quellen
1. Koran, Saba 34:15. Eigene sinngemässe Übersetzung.
2. Koran, Saba 34:15. Eigene sinngemässe Übersetzung.
3. Koran, Saba 34:18. Eigene sinngemässe Übersetzung.
4. Koran, Saba 34:16. Eigene sinngemässe Übersetzung.
5. Koran, Saba 34:16. Eigene sinngemässe Übersetzung.
6. Koran, Saba 34:17. Eigene sinngemässe Übersetzung.

Leitgedanke
Eine Gabe findet ihre Erfüllung darin, dass wir ihren Geber erkennen und gut mit ihr umgehen.

Vorgeschlagene Ziele
Verstehen: Die Gabe als Zeichen Gottes und als anvertrautes Gut erkennen, das Dankbarkeit verlangt.
Das Herz ansprechen: Die Aufmerksamkeit für vertraute Gaben neu wecken.
Handeln: Eine Gabe auswählen, Gott dafür danken und etwas davon anderen zugutekommen lassen.

Gliederung
1. Vertraute Gaben neu wahrnehmen.
2. Das Erlaubte geniessen und den Geber nicht vergessen.
3. Von Saba zu unserem Alltag: Nahrung, Sicherheit, Reisen, Kommunikation und Behandlung.
4. Die Abwendung von Gott in der Geschichte von Saba als Anlass zur Selbstprüfung.
5. Dankbarkeit durch Lobpreis, Gehorsam, Erfüllung von Rechten und Barmherzigkeit.
6. Eine Gabe und ein konkreter Schritt in dieser Woche.

Weitere Gedanken und Beispiele
Wähle aus den folgenden Gedanken und Beispielen, was zu Thema, Publikum und verfügbarer Predigtzeit passt.

Weitere Gedanken

1. Gewöhnung kann den Wert einer Gabe verdecken: Warmes Wasser fällt uns vielleicht erst auf, wenn es ausfällt, und leichte Mobilität erst, wenn wir das Haus kaum verlassen können.

2. Dankbarkeit schliesst die Klage über echte Belastung nicht aus: Wir können Gott für Arbeit danken und zugleich Entlastung suchen.

3. Wer uns dient, braucht Wertschätzung: Wir bemerken vielleicht einen Fehler am Essen und übersehen die Person, die es täglich zubereitet.

4. Geben bedeutet nicht immer Geld: Sprachkenntnisse helfen beim Verstehen eines Briefes; mit einem Auto lässt sich jemand bei einer kurzen Fahrt unterstützen.

Beispiele aus dem Alltag

1. Dasselbe Gericht steht zwei Tage auf dem Tisch, und das Klagen beginnt. Die Person, die gekocht hat, hört jedes Mal Kritik, aber kaum Dank für ihre Mühe.

2. Ein Zug hat zehn Minuten Verspätung. Jemand beklagt sich den restlichen Weg über alles und vergisst, dass er sonst täglich sicher zur Arbeit gelangt.

3. Nach einem gewöhnlichen Tag sieht jemand am Handy Bilder von grösseren Häusern und schöneren Reisen. Er legt es unzufrieden weg, obwohl sich zu Hause in diesen Minuten nichts verändert hat.

4. Eine Familie kauft mehr Lebensmittel, als sie braucht. Sie verderben im Kühlschrank. Am Monatsende klagt man über hohe Ausgaben und ein knappes Budget.

5. Eltern nehmen sich Zeit für Schulnoten, unterbrechen aber die Erzählung ihres Kindes beim Klingeln des Handys. Es empfindet seine Noten als wichtiger als das, was es erzählen möchte.

6. Ein Moscheebesucher klagt immer wieder über den vollen Parkplatz und einen Organisationsfehler. Die wöchentliche Arbeit der Freiwilligen nimmt er kaum wahr.
